ASEAN – Wie viel Potential steckt im Staatenbund?

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Bei der Frage nach alternativen Produktionsstandorten und neuen Absatzmärkten für europäische Unternehmen fällt immer wieder der Begriff ASEAN. Doch wie viel Potential steckt im Staatenbund? Ein Reality-Check aus dem Maschinen- und Anlagenbau.

Ausländische Unternehmen in China spüren seit Jahren einen zunehmenden Rentabilitätsdruck. Grund hierfür sind vor allem gestiegene Arbeitskosten. Hinzu gekommen ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China, welcher sich immer mehr zu einem Technologiekonflikt ausweitet und globale Unternehmensstrategien stark beeinflusst. Zudem lassen die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie die Rufe nach resilienteren Lieferketten lauter werden. Ein Lösungsweg könnten regional stärker diversifizierte Beschaffungsstrategien sein, also eine Abkehr von einem „Single-Sourcing-Prinzip“, wovon China in besonderer Weise betroffen wäre.

ASEAN als Ausweichstandort und Absatzmarkt der Zukunft?

Die jüngsten Entwicklungen – insbesondere Lieferengpässe in China im Zuge der Covid-19-Pandemie –führen dazu, dass Unternehmen vermehrt über alternative Produktionsstandorte nachdenken oder in Zukunft auf weitere Zulieferer aus anderen Ländern zurückgreifen wollen. Der Staatenbund ASEAN („Association of South-East Asian Nations“) steht bei den Überlegungen häufig an vorderster Stelle, nicht zuletzt aufgrund der wesentlich geringeren Lohnkosten und der Freihandelsabkommen mit China, Japan und Südkorea. Noch spielt eine weitgehende Produktionsverlagerung aus China – zumindest für viele deutsche (Maschinenbau-)Unternehmen – schon wegen der Größe allein des chinesischen Marktes kaum eine Rolle. Aber selbst von einer Teilverlagerung bestimmter Industriezweige, zum Beispiel der Elektronikindustrie, dürften Maschinenbauer mittelfristig profitieren, da sie die Produktionshallen mit Betriebsmitteln ausstatten.

Wesentlicher Treiber für die Wiederentdeckung der Region als „neuem“ Absatzmarkt ist zudem die dynamische wirtschaftliche Entwicklung. Zwar dürfte das Wachstum in Folge der Corona-Krise deutlich geringer ausfallen, doch mittelfristig dürfte ASEAN wieder an seinen ursprünglichen Wachstumspfad mit einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von knapp fünf Prozent anknüpfen. Das lässt die Nachfrage nach Maschinen steigen. Viele davon kommen aus dem Ausland, denn mit Ausnahme Singapurs und Thailands werden in den südostasiatischen Ländern Maschinen bisher nur in geringem Maße produziert.

Exportentwicklungen von Maschinen in die Region ASEAN

Japans Maschinenexporte kommen seit Jahren nicht mehr an das Rekordniveau aus dem Jahr 2013 heran. Weitere wichtige Lieferländer wie Deutschland, Südkorea und die USA halten das Niveau der Maschinenexporte in die Region konstant (siehe Grafik 1). Einen signifikanten Zuwachs verzeichneten zuletzt lediglich die chinesischen Maschinenexporte in die Region. Darunter fallen aber auch die Exporte deutscher Unternehmen, die bereits einen Produktionsstandort in China haben und über ihre Auslandstöchter in China den südostasiatischen Markt beliefern. Insgesamt profitieren also auch ausländische Maschinenbauunternehmen mit Sitz in China indirekt von der chinesischen Exportentwicklung in die Region ASEAN.

 

 

Für Maschinenexporteure aus Deutschland ist der Stadtstaat Singapur der größte Abnehmer in Südostasien, wenngleich ein Großteil dieser Maschinenbauerzeugnisse wieder in andere asiatische Absatzmärkte re-exportiert werden. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Thailand und Indonesien (siehe Grafik 2).

 

 

Da die einzelnen ASEAN-Staaten unterschiedliche Industriestrukturen aufweisen, lohnt ein eingehender Blick auf die verschiedenen Maschinenbaubranchen und deren Exporte in die Region. Im Folgenden werden deshalb die wichtigsten Abnehmerländer aus ASEAN und deren Industriestrukturen beleuchtet.

Elektroniksektor in Malaysia und Singapur wichtigster Industriezweig

Der Elektroniksektor in Malaysia ist seit einigen Jahren der größte Industriezweig innerhalb des verarbeitenden Gewerbes, noch vor der Erdöl-, Palmöl- oder Kautschukindustrie. Die beeindruckende Entwicklung im Elektroniksektor wird auch anhand der heimischen Wertschöpfung deutlich, die sich in den vergangenen 10 Jahren nahezu verdoppelt hat. Hersteller von Maschinen für den Elektroniksektor spüren das. Mittlerweile haben Maschinen für die Produktion von Halbleitern- und Flachdisplays den höchsten Anteil an der gesamten Maschineneinfuhr Malaysias. Hersteller aus China, Japan, Singapur und den USA sind im Bereich der Halbleiter- und Flachdisplayproduktionsmittelharte Wettbewerber und übertreffen Deutschland beim Export dieser Maschinen nach Malaysia.

Auch wenn deutsche Maschinenexporteure ihren Marktanteil in Malaysia bestenfalls halten können, profitieren sie allein schon wegen des hohen Wachstums von der positiven Entwicklung im malaysischen Elektroniksektor. Einige große Elektronikunternehmen aus den USA und Japan haben bereits Werke in Malaysia, und weitere dürften folgen. Beispielsweise schätzt die Forschungsabteilung EIU des Economist, dass vor allem der Elektroniksektor in Malaysia aufgrund der politischen Spannungen zwischen den USA und China als alternativer Produktionsstandort profitieren könnte.

Im Stadtstaat Singapur ist die Elektronikindustrie ebenfalls der größte Industriezweig. Hier findet insbesondere eine kapitalintensive Fertigung von elektronischen Komponenten und Platinen statt. Aber auch der Maschinenbau ist in Singapur nach wie vor stark vertreten. Die eigene Wertschöpfung im Maschinenbau betrug zuletzt knapp 5 Milliarden Euro. Besonders gefragt sind deutsche Maschinenkomponenten aus der Antriebstechnik, die in Logistikzentren auf eine erneute Verschiffung warten, in dort gefertigte Maschinen verbaut werden oder Anwendung in angrenzenden Industrien finden. Große Sprünge beim Maschinenexport nach Singapur sind allerdings nicht zu erwarten, denn der Stadtstaat stößt bereits an seine Kapazitätsgrenzen in der Industrie. Eine Ausnahme dürften Automatisierungslösungen wie beispielsweise deutsche Roboterexporte sein, die in den vergangenen Jahren kräftig zulegten.

Hohe Nachfrage nach Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen in Indonesien und auf den Philippinen

In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Land in Südostasien, ist die Lebensmittelindustrie der größte Industriezweig. Es überrascht also nicht, dass insbesondere Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen aus Deutschland aber auch Italien besonders nachgefragt werden. Doch jenseits dieses Spezifikums ist die Fertigungsindustrie in Indonesien bei weitem nicht so stark entwickelt wie zum Beispiel in Singapur, Thailand oder Malaysia. Bisher sind Indonesiens Exportgüter größtenteils Rohwaren oder einfache Zwischenprodukte, die in anderen Ländern veredelt werden. Das hat die indonesische Regierung erkannt und versucht mit der Initiative "Making Indonesia 4.0" Anreize zu setzen, um in wichtigen industriellen Branchen Industrie-4.0-Technologien einzuführen. Das soll zu einer höheren heimischen Wertschöpfung in der Industrie und dessen Exporte führen.

Die Philippinen haben mit über 100 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Bevölkerung in ASEAN. Dementsprechend hoch ist auch die Wertschöpfung speziell im Lebensmittelsektor im Vergleich zu anderen südostasiatischen Staaten. Für die Verarbeitung von Lebensmitteln werden viele ausländische Maschinen eingesetzt. Die philippinischen Importe von Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen sind in den letzten fünf Jahren im Schnitt um knapp sieben Prozent jährlich gewachsen und damit wesentlich schneller als die philippinischen Gesamtmaschinenimporte. Die Strukturen in der Automobilindustrie und dem Elektroniksektor sind – ebenfalls wie in Indonesien – nicht so sehr ausgeprägt wie beispielsweise in Thailand oder Malaysia, was sich auch in der Struktur der Maschinenimporte zeigt.

Die Automobilindustrie ist der größte Industriezweig in Thailand. Zudem ist das Land führender Automobilproduktionsstandort in ASEAN. Doch neben Fahrzeugen werden auch viele Automobilzulieferteile und -komponenten hergestellt, die in den Export gehen. Das zeigt, wie stark Thailand in die globalen Wertschöpfungsketten im Bereich Automotive eingebunden ist. Damit wird Thailands Stärke aber auch zu seiner Schwäche. Denn der Strukturwandel in der Automobilindustrie macht auch hier nicht Halt. Der Rückgang in der thailändischen Automobilproduktion betrug im Jahr 2019 etwas mehr als vier Prozent. Das wiederum hat Auswirkungen auf die automobilnahen Maschinenimporte Thailands, wie zum Beispiel Werkzeugmaschinen, Präzisionswerkzeuge, Spritzgießmaschinen sowie Antriebstechnik. Die thailändischen Gesamtimporte dieser Maschinenbaubranchen waren im vergangenen Jahr allesamt rückläufig.

Vietnam – im Schatten Chinas

Vietnam steht innerhalb der ASEAN-Ländergruppe bei der Betrachtung als Ausweichstandort am häufigsten im Fokus. Die geografische Nähe zu China und die geringen Lohnkosten sind die Hauptargumente. Neben der Elektronikindustrie und Textilindustrie wächst die Möbelindustrie dort sehr stark. Davon profitieren unter anderem Hersteller von Textilmaschinen, Näh- und Bekleidungsmaschinen und Holzbearbeitungsmaschinen. Allerdings partizipieren nicht alle Länder gleichermaßen am Wachstum in Vietnam. So haben sich Chinas Exporte von Holzbearbeitungsmaschinen nach Vietnam im Jahr 2019 auf 400 Millionen Euro verdoppelt. Europäische Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen halten ihr Exportniveau hingegen seit Jahren konstant bei circa 30 Millionen Euro per annum.

Vietnam ist schon heute für die weltweiten Maschinenexporteure der größte Absatzmarkt in Südostasien und für sie weitaus bedeutender als beispielsweise die Türkei – mit steigendem Potential. Das jüngst unterzeichnete Freihandelsabkommen zwischen der EU und Vietnam könnte jedoch ein Impetus für eine weitere positive Entwicklung deutscher Maschinenexporte nach Vietnam sein.

Fazit

Die erweiterte ASEAN-Region ist für Exporteure als Maschinenabsatzmarkt annähernd so groß wie der chinesische Maschinenabsatzmarkt. Die Nachfrage nach Maschinen ist also bereits heute schon vorhanden, und sie wird auch von deutschen Herstellern bedient, direkt durch Maschinenexporte, indirekt durch Tochtergesellschaften vor Ort. Ein wachsender Wohlstand in der Region, ein intensiverer Handel untereinander, aber auch das generelle Bestreben, unabhängiger von China zu werden, werden automatisch den Bedarf erhöhen. Doch nicht jedes Land innerhalb von ASEAN ist per se ein Wachstumsmarkt für jeden deutschen Maschinenbauer. Das liegt zum einen an den unterschiedlichen Industriestrukturen und der damit verbundenen Nachfrage nach unterschiedlichen Maschinen- und Anlagen. Auf der anderen Seite befinden sich die Industrien in den südostasiatischen Ländern in verschiedenen Entwicklungsstufen.

Doch nicht zuletzt wird der erhöhte Bedarf an Maschinen nach wie vor vorzugsweise von chinesischen Herstellern oder Herstellern mit Produktion in China bedient. Und auch das kürzlich unterzeichnete asiatisch-pazifische Handelsabkommen „RCEP“ kann dazu führen, dass europäische Unternehmen Marktanteile in der größten Wachstumsregion der Welt verlieren. Denn das Abkommen vereinfacht und vertieft die häufig bereits bestehenden bilateralen Freihandelsabkommen der asiatischen Länder. Europäische Freihandelsabkommen mit asiatischen Staaten könnten aber auch deutschen und europäischen Maschinenexporte in die Region einen Schub geben. Die EU muss deshalb mit voller Energie weiter an den Freihandelsprojekten mit weiteren ASEAN-Staaten weiterarbeiten. Insofern begrüßt der Maschinen- und Anlagenbau aus Deutschland die aufgenommenen Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit den Philippinen und Indonesien.

Eine Kurzanalyse des RCEP Handelsabkommens finden Sie hier:

Kontakt

Benedict Jeske ist Referent für Volkswirtschaft und Statistik im VDMA. Neben dem internationalen Außenhandel befasst er sich intensiv mit der Konjunktur im asiatischen Raum, insbesondere in der chinesischen Industrie.  benedict.jeske@vdma.org