28 Days Later: Social Distancing Maßnahmen zeigen Wirkung

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Zwar gehen Social Distancing Maßnahmen mit sozioökonomischen Belastungen einher. Jedoch legt eine Betrachtung aktueller Bewegungs- und Infektionsdaten nahe, dass sich die Einschnitte im Kampf gegen das Coronavirus deutlich positiv bemerkbar machen.

Im Kampf gegen das Coronavirus spielen soziale Distanzierungsmaßnahmen weltweit eine zentrale Rolle. Dabei geht es häufig nicht nur um das Tragen von Atemschutzmasken und das Einhalten eines Mindestabstands zu den Mitmenschen, sondern insbesondere auch um die generelle Wahl individueller Aufenthaltsorte in der Alltagsgestaltung. Vielfach versuchen Staaten und Unternehmen seit Ende des ersten Quartals 2020, das Aufeinandertreffen von Menschen und damit das Risiko einer Krankheitübertragung zu vermindern, indem auf Homeoffice- oder ähnliche mobile Arbeitslösungen zurückgegriffen wird. Doch was haben diese Maßnahmen bisher gebracht?

Beobachtbarer Rückgang der Bewegung zu Geschäftszwecken

In seinem Google Mobility Report wertet das Unternehmen die Bewegungsmuster seiner Smartphone-User und Kartendienstanwender für viele Länder dieser Welt tagesaktuell aus und ist dabei in der Lage, zwischen den Arten unterschiedlicher Aufenthaltsorte zu differenzieren. Schaut man sich die für das laufende Jahr veröffentlichten Bewegungsdaten an und verknüpft diese mit Maßnahmeinformationen des Assessment Capacities Project (Acaps), so fällt auf, dass in vielen Ländern die individuellen Aufenthalte an Arbeitsplätzen infolge verschiedener sozialer Distanzierungsmaßnahmen einen sehr starken Einbruch um teils deutlich über 50 Prozent gegenüber der Basisperiode (3. Januar bis 6. Februar 2020) erfahren haben.

Verstärkt wurde der politisch induzierte Social Distancing Effekt in vielen Betrieben durch die Reduzierung von Geschäftsaktivitäten aufgrund angebots- und nachfrageseitiger Störungen. Sehr stark korreliert mit dem Rückgang individueller Aufenthalte am regulären Arbeitsplatz sind zudem die Bewegungen im öffentlichen Personennahverkehr sowie im Handel (ohne Lebensmittel und Apotheken) und in Freizeiteinrichtungen.

Neuinfektionen laufen den Maßnahmen hinterher

Stellt man diese eingeschränkte Bewegung der Menschen im sozialen Kontext den täglich gemeldeten Zahlen zu Corona-Neuinfektionen der Johns Hopkins Universität direkt gegenüber, so entsteht zunächst der Eindruck, als würden zeitgleich die Neuinfektionen pro einer Million Einwohner in den jeweiligen Ländern stark ansteigen. Die mögliche vorschnelle Schlussfolgerung, die Distanzierungsmaßnahmen könnten Wirkungslos sein, unterliegt jedoch einem Trugschluss.

Die Inkubationszeit von COVID-19 kann sich laut Robert Koch Institut auf bis zu 14 Tage belaufen. Nach dem Ausbruch der Krankheit ist es dann je nach schwere des Krankheitsverlaufes nicht untypisch, dass Infizierte die Erkrankung zunächst für eine normale Erkältung halten und daher versuchen, diese zu Hause auszukurieren. Sollte dies nicht gelingen, wird ein Arztbesuch spätestens mit der Notwendigkeit fällig, dem Arbeitgeber oder der Krankenversicherungen einen Nachweis über den Gesundheitszustand zu erbringen. Dafür können je nach gesetzlicher und betrieblicher Regelungen einige Tage vergehen. Wird bei einem Arztbesuch ein Test durchgeführt, vergehen im Regelfall wiederum mehrere Tage, bis das Ergebnis vorliegt. Dies ist den Transportwegen ins Labor und den dort verfügbaren Testkapazitäten geschuldet, welche insbesondere zu Beginn der Pandemie noch auf einem zu heute vergleichsweise schwachen Stand waren. Erst wenn das finale Testergebnis vorliegt, schlägt sich eine Infektion auch in den veröffentlichten Neuinfektionszahlen nieder.

Mit zeitlicher Verschiebung entsteht ein klarer Zusammenhang

Alles in allem ist es plausibel, dass die Anzahl der Neuinfektionen den Schutzmaßnahmen, welche die Übertragungswahrscheinlichkeit des Virus verringern sollen, um bis zu 28 Tage hinterherläuft. In unserer Gegenüberstellung der Bewegungsmuster und Neuinfektionszahlen haben wir daher die Bewegungskurve um 28 Tage verschoben. 

Ein Vergleich der Kurvenverläufe zeigt, dass der drastische Rückgang der Aufenthalte von Individuen an ihrer regelmäßigen Arbeitsstelle äußerst stark mit einem deutlichen Rückgang der beobachteten Neuinfektionen ungefähr 28 Tage später (teilweise auch schon etwas früher) korreliert ist. Dies deutet darauf hin, dass die ergriffenen Maßnahmen bislang einen starken Beitrag zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus leisten konnten.

Langsame Rückkehr zur Normalität?

Augenscheinlich nähern sich die Bewegungskurven der einzelnen Länder sukzessive wieder ihrem Basisniveau an, während die Neuinfektionen vielerorts auf niedrigem Niveau verharren. Letzteres lässt sich wohl zum einen auf einen breiten Wandel innerhalb der Bevölkerung zurückführen was den Umgang mit dem Virus angeht. Der erfahrene drastische Einschnitt  hat zur Sensibilisierung einer breiten Masse für epidemiologische Risiken geführt, die Menschen tragen Masken, achten auf größere Abstände zu ihren Mitmenschen und legen wert auf eine gründlichere Hygiene, wie die temporären Lieferengpässe bei Desinfektionsmitteln und Seife gezeigt haben dürften. Zum anderen ist die Nullinie bei der Bewegungseinschränkung noch nicht wiederer erreicht; trotz einer Annäherung liegt die Arbeitsplatzpräsenz vielerorten noch gut ein Viertel unter dem Normalniveau.

Zuletzt arlamiert der Blick auf Luxemburg oder in die USA zur gesteigerten Vorsicht. In beiden Ländern haben die Neuinfektionen zuletzt wieder stark zugenommen. Der schnelle Wiederanstieg der Fallzahlen ist ein Indiz dafür, dass der weltweite Höhepunkt der Pandemie noch nicht überwunden sein könnte und mahnt auch weiterhin zur Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen.

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