Brexit: Wäscht eine Hand die andere?

Shutterstock

In der ersten Juniwoche befinden sich das Vereinigte Königreich und die EU in der vorerst letzten planmäßigen Verhandlungsrunde zu einem Handelsabkommen. Bis Ende des Monats könnten die Briten zudem auf ein Angebot der EU eingehen, einem harten Brexit durch eine Verlängerung der Übergangsfrist zu entgehen. Angesichts der ökonomischen Folgen von Corona ist eine schnelle Einigung für beide Parteien wichtig, um zusätzliche Belastungen der Wirtschaft zu verhindern.

Seit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union Ende Januar 2020 gilt die zunächst bis Jahresende laufende Übergangsphase, während derer das Ausscheiden sich noch nicht im Alltag von Bürgern und Unternehmen niederschlagen soll. Während dieser Zeit soll ein umfangreiches Abkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU27 erreicht werden, um einen harten Brexit mit schlagartigem Aufbau von Handels- und Geschäftsbarrieren zu verhindern. Am ersten Juni hat nun die vorerst letzte planmäßige Verhandlungsrunde zu einem Handelsabkommen begonnen. In den bisherigen Runden haben die Verhandlungen zwischen London und Brüssel jedoch kaum Fortschritte gemacht.

Ende des Monats steht nun ein neuer Stichtag für die Briten an: Premierminister Boris Johnson hat noch bis zum 30. Juni Zeit, die Brexit-Übergangsphase um bis zu zwei Jahre zu verlängern. Diese Möglichkeit hatte der Beauftragte der EU-Kommission für die Verhandlungen zum EU-Austritt des Vereinigten Königreichs, Michel Barnier, in Reaktion auf ein Schreiben der britischen Opposition Ende Mai eingeräumt. Bislang hat Johnson eine solche Verlängerung strikt abgelehnt. Dabei erscheint der Versuch, einen harten Brexit zu bewältigen, für die durch die Corona-Pandemie gebeutelten Volkswirtschaften als äußerst riskant – auf beiden Seiten des Verhandlungstisches.

Gesamtwirtschaftliche Lage

Zu Beginn des zweiten Quartals 2020 ist der saisonbereinigte IHS Markit Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe in Großbritannien und der EU stark eingebrochen. Der wichtige Frühindikator der konjunlturellen Entwicklung wird aus Umfragen unter leitenden Angestellten privater Unternehmen ermittelt und setzt sich als gewichteter Durchschnitt von fünf Teilindizes zusammen: Auftragseingänge (30%), Produktion (25%), Beschäftigung (20%), Lieferzeiten (15%) und Bestände an Einkäufen (10%).

Im April erreichte der Indikator mit 32,6 Punkten für Großbritannien und 33,4 Punkten für die EU sein Minimum. Zwar nahmen die positiven relativ zu den negativen Erwartungen im Mai mit einem Indexwert von 40,7 beziehungsweise 39,5 Punkten wieder leicht zu, aber von seinem Stagnationswert von 50 Punkten, bei welchem negative und positive Geschäftserwartungen gerade ausgeglichen sind, ist der Diffusionsindex damit noch immer weit entfernt. Somit kann hier noch nicht von einer Erholung gesprochen werden.

Sollten die beiden Verhandlungsparteien sich weder auf einen geordneten Austritt mit Partnerschafts- und Freihandelsabkommen noch auf eine Verlängerung der Übergangsfrist verständigen können, ist zu erwarten, dass die nun ohnehin schon schwache Konjunktur durch erschwerte Investitionsbedingungen und Handelsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich zum kommenden Jahreswechsel einen zusätzlichen Dämpfer erfährt.

Ausländische Direktinvestitionen

Das Vereinigte Königrich profitierte traditionell zum einen stark von ausländischen Direktinvestitionen (FDI). Dies lag mitunter daran, dass ein Unternehmensstandort in UK bisher einen einfachen Zugang zum EU-Binnenmarkt versprach. Etwa die Hälfte der gesamten ausländischen Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich stammte dabei aus Ländern der Europäischen Union. Laut einer Studie des Centre for Economic Performance (CEP) der London School of Economics steigerte die EU-Mitgliedschaft das FDI-Aufkommen im Vereinigten Königreich um etwa 28%. Diese erhöhten die nationale Produktivität und damit Output und Löhne. Multinationale Unternehmen bringen oftmals überlegene Technologien und betriebswirtschaftliches Know-How ein und verbessern damit direkt den gesamtwirtschaftlichen Output. Damit werden auch inländische Firmen zu Innovationen stimuliert, beispielsweise durch stärkere Lieferketten und härteren Wettbewerb, und steigern tendentiell ihre eigene Investitionstätigkeit.

Auch Deutschland hat in der Vergangenheit stark in den Maschinenbau des Vereinigten Königreichs investiert. Im Jahr 2018 belief sich der Bestand deutscher Direktinvestitionen in den britischen Maschinenbau auf 1,5 Milliarden Euro. Dies entspricht 3,5% der gesamten deutschen Direktinvestitionen in den ausländischen Maschinenbau. Im internationalen Vergleich ist dies kein geringer Posten: Höhere Anteile am gesamten deutschen Direktinvestitionsbestand im ausländischen Maschinenbau entfielen innerhalb Europas nur auf die Schweiz (6,6%) und auf Italien (4,7%); weltweit sind lediglich die Vereinigten Staaten (27,6%), die Volksrepublik China (15%) sowie Indien (3,8%) bedeutsamer. Gleichzeitig stammten 2,2% der ausländischen Direktinvestitionen aller Kapitalgeberländer in den deutschen Maschinenbau aus dem Vereinten Königreich, ein Bestand von rund 539 Millionen Euro. Höhere Handelskosten zwischen EU und UK im Falle eines ungeregelten Brexits würden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ auf diese wechselseitigen Direktinvestitionen auswirken und damit die Konjunktur stark belasten.

Maschinenaußenhandel

Zum anderen ist das Vereinigte Königreich stark über den Außenhandel mit den EU-Ländern verbunden. Bei den deutschen Maschinenausfuhren belegte das Vereinigte Königreich im Jahr 2019 mit 7,5 Millarden Euro Exportvolumen laut Statistischem Bundesamt den sechsten Platz. Mit einem Rückgang um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr fiel es damit knapp hinter die Niederlande zurück. Im ersten Quartal 2020 sind die deutschen Maschinenausfuhren in das Vereinigte Königreich nun um 19,5 Prozent und die Maschineneinfuhren um 27,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gefallen. Damit verzeichnet der deutsche Maschinenaußenhandel mit dem Vereinigten Königreich schon jetzt das stärkste Minus der jeweils 20 wertmäßig wichtigsten Absatz- bzw. Herkunftsländer.

Dabei haben 11 der 12 deutschen Maschinenbaufachzweige mit den größten Exportvolumina in das Vereinigte Königreich allesamt Rückgänge zu verzeichnen. Mit jeweils über zwanzig Prozent fallen diese besonders stark in der Landtechnik (-35%), der Fördertechnik (-27%), der Fluidtechnik (-24%), bei den Kompressoren, der Druckluft- und der Vakuumtechnik (-24%) sowie den Armaturen (-23%) aus. Sollte es zu einem ungeregelten Brexit kommen, müssten deutsche Maschinenhersteller wohl mit weiteren Rückschlägen rechnen.

In der VDMA-Statistikdatenbank können VDMA-Mitgliedsunternehmen Ex- und Importdaten auf Warenpositionsebene recherchieren. Gerne unterstützen wir Sie dabei.

Downloads